Integrative Sportgruppe in Tessin für Kinder mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen

Ostsee Zeitung · 21 Dez. 2019 · Von Flemming Goldbecher
Tessin Für den neunjährigen Bennet Levold war es nicht leicht in der E-Jugend-Fußballmannschaft des TSV Einheit Tessin. Meist verstand er die Aufgaben nicht und hatte Schwierigkeiten, dem Training wie seine Mannschaftskameraden zu folgen. Denn Bennet leidet unter Epilepsie und sogenannten Tic-Störungen, die mit den Symptomen des Tourette-Syndroms vergleichbar sind.

Ein halbes Jahr lang ließ seine Mutter Nicole Levold ihren Jungen in der Mannschaft mitspielen. Dann entschied sie, ihn herauszunehmen. Für die Trainer sei es kaum möglich gewesen, angemessen mit den Beeinträchtigungen ihres Kindes umzugehen, erzählt Levold.

„Wenn Trainer nicht für so etwas ausgebildet sind, ist das schwierig.“
Deshalb gründete sie über den Sportverein TSV Einheit Tessin zusammen mit ihrem Lebensgefährten Tino Glende und Sozialassistent Sascha Stellmacher die integrative Sportgruppe „Peevkes“, übersetzt aus dem Plattdeutschen: „empfindsame Kinder“.

Denn für Levold stand fest: Ihr Sohn soll trotzdem Sport machen, sich austoben können und nicht wegen seiner Beeinträchtigungen unter sozialer Ausgrenzung leiden müssen. Die Entscheidung, eine eigene Sportgruppe zu gründen, wurde quasi aus der Not geboren, denn nach einer geeigneten Alternative im Vereinssport für Bennet suchte Levold lange vergeblich. „Es gibt viele Vereine für behinderte Kinder in Rostock und Umgebung, aber keinen einzigen, der den Kindern die Möglichkeit bietet, sich auszutoben, ohne sich auf eine Sportart spezialisieren zu müssen“, so die Heilerziehungspflegerin.

Thomas Hett, Mitglied des Vorstandes beim TSV Einheit Tessin, musste nicht lange überlegen, als Bennet Levold mit ihrer Idee der integrativen Sportgruppe an ihn herantrat. Der Vorstand sei schnell von der Notwendigkeit des Projekts überzeugt gewesen, macht Hett deutlich. „Wir wollen den Kindern die Möglichkeit bieten, sich als Teil der Gemeinschaft zu fühlen und ihnen nicht vermitteln, dass sie anders sind.“

Dafür erhalte zum Beispiel jedes Kind ein Vereinstrikot. Und auch an geeigneten Utensilien für das Training und rollstuhlgerechten Zugängen solle es nicht mangeln. „Was für ein fachgerechtes Training benötigt wird, werden wir im Rahmen unseres Budgets bereitstellen“, erklärt Thomas Hett. Das, so meint er, werde sich aber teilweise erst in den kommenden Monaten zeigen, wenn die Anzahl der Teilnehmer klar ist.

Außerdem müsse man zunächst abwarten, wie die Mädchen und Jungen den Sport annehmen, betont Levold. „Wir wissen noch nicht genau, wie sie durchhalten.“ Man werde verschiedene Dinge ausprobieren und die Übungen variieren. Im Mittelpunkt stehe nicht der Leistungsgedanke, sondern Spaß, Bewegung und Gemeinschaft. „Wir wollen die Kinder aus ihrer Isolation herausholen“, so Levold.

Das Training in der Gruppe, das ab 10. Januar 2020 jeweils freitags von 16.30 bis 18 Uhr stattfinden wird, werde sie zusammen mit Gleden und Stellmacher leiten. Dabei sollen in der Sporthalle des TSV Tessin Übungen wie Parcoursläufe und Zirkeltraining für die körperliche Wahrnehmung eine wichtige Rolle spielen. Auch Medizinbälle für den Krafteinsatz sowie Koordinationsübungen und verschiedene Spiele würden in die Sporteinheiten eingebaut.
Erforderliche Voraussetzungen für die Teilnahme gibt es laut Levold keine. „Es muss weder ein Pflegegrad vorliegen noch schließen wir Kinder aufgrund starker Behinderungen aus. Lediglich ein Elternteil als „Fachkraft für das eigene Kind“ sollte jedes Mal dabei sein. Zudem sollen in den Sportgruppen vorerst höchstens zwölf Kinder ab sechs Jahren teilnehmen.

Diana Ulmer hat ihren achtjährigen Sohn Fynn bereits für die Sportgruppe angemeldet. Ihr Kind leidet unter starken Konzentrationsstörungen. Der Sport soll ihm helfen, diese in den Griff zu bekommen. „Ich hoffe, dass er dadurch selbstbewusster wird“, meint Ulmer. Er sei bereits beim Hand- und Basketball gewesen – allerdings ohne Erfolg. „Er ist kein Teamplayer. Aber auf die Sportgruppe freut er sich schon sehr.“

Wir wollen Kindern die Möglichkeit bieten, sich als Teil der Gemeinschaft zu fühlen.

Thomas Hett (Vorstand TSV Einheit Tessin)

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